Radikal hat die Zementfabrik das Leben im einst bäuerlichen Alslev verändert. Nun rollen Streik, Aufschwung, Krieg und Rezession wie große Wellen über das Land und formen viele Schicksale.

Dank seiner neuen Form und Sprache gelingt es Kirk mit unvergleichlicher Leichtigkeit und wohltuender Ironie das Leben der Jahre vor und während des Ersten  Weltkrieges in seiner Gesamtheit zu erfassen.

 Hans Kirk

 „Hans Kirk schuf den dänischen sozialen Roman. Ihm allein gebührt die Ehre. Alle anderen haben von ihm gelernt. Und mit ‚Die neuen Zeiten‘ setzt er seinen Lauf fort. Da findet sich kein einziger verlogener Zug in diesem Werk. Es ist klassisch, schon am Tag seines Erscheinens.“

„In ‚Die neuen Zeiten‘ treffen wir alle die Menschen wieder, die wir in den ‚Tagelöhnern‘ schon kennen gelernt haben … allen voran den rothaarigen Cilius, den großmauligen Cilius, der ewig damit prahlt, einen Mann zum ‚Krüppel‘ geschlagen zu haben, den gewaltigen Cilius, der Gewerkschaftsmann geworden ist und mit allen seinen faustdicken Fehlern den aufrührerischen Geist der Unterklasse darstellt. Er ist es, der das Buch trägt.

Und um ihn gruppieren sich ganz natürlich die größten Ereignisse. Zuerst der Streik in der Zementfabrik, eine Streikschilderung, die keiner anderen in der Literatur gleicht, denn hier sind es nicht Gewalt und Sabotage, die sich hineinfressen; hier ist es das Vermögen der Arbeiter, zu hungern, das man bewundert, und ihr unerschütterlicher Optimismus, der gefeiert wird. Dann ist es die Errichtung eines Konsumvereins, dann der Bau eines Versammlungshauses, und schließlich der Weltkrieg.“ (Tom Kristensen)

 Hans Kirk

 

Aus dem Nachwort:

Die fünf Jahrzehnte nach dem Verlust Schleswigs und Holsteins 1864 bis hin zum ersten Weltkrieg haben Dänemark derart fundamental verändert wie keine andere Periode seit der letzten Eiszeit. Die „kollektive Seele“ der Dänen lässt sich nur verstehen, wenn man die tektonischen Verschiebungen in Politik, Wirtschaft und Umwelt, aber auch in Kultur und Alltagsleben begreift. Eine ganze Generation von sehr unterschiedlichen und erstrangigen Autoren arbeitete daran, den Veränderungen aus der Retrospektive der 20er und 30er Jahre habhaft zu werden.

Zuvor hatten schon die großen bürgerlichen Klassiker Drachmann, Jacobsen, Wied und Bang versucht, die Zeichen der Zeit zu lesen. Die Blüte der modernen dänischen Literatur beginnt dann mit Pontoppidans Versuch, in seinem groß angelegten Entwicklungs- und Lebensroman „Hans im Glück“ (1898–1904) den Übergang in die modernen, kommerzialisierten, säkularisierenden Zeiten zu erfassen; Erbe und Milieu stehen dabei noch im Zentrum der Aufmerksamkeit. Nexø vollendete mit „Pelle der Eroberer“ (1906–1910) und „Ditte Menschenkind“ (1917–1921) durch die Proletarisierung seiner Helden diese Entwicklung soziologisch. Schon wenige Jahre später findet das Bewusstsein des Untergangs der bürgerlichen Welt und das Gefühl der Entwurzelung in Jacob Paludans „Gewitter von Süd“ (1932) kongenialen Ausdruck und ihre letztendliche Steigerung bei den Autoren der „verlorenen Generation“ Dänemarks, in Tom Kristensens Selbstzerstörerroman „Verwüstung“ (1930), Knud Sønderbys „Mitten in einer Jazz-Zeit“ (1931),  bei Martin A. Hansen, Hans Scherfig u. a. 

Aus dieser Phalanx der literarischen Exklusivität ragen Hans Kirks sogenannte Kollektivromane als Sondererscheinung heraus.

Im nationalen Gedächtnis wird die Niederlage gegen Bismarcks und Wrangels Heere als tiefste, quasi kopernikanische Kränkung empfunden. Doch das Resultat ist paradox. Die nationalstaatliche Schwächung führte zu einer nie da gewesenen Identitätsstärkung. Das einst mächtige und riesige und stolze Königreich Dänemark wurde endgültig zum geopolitischen Zwerg zurückgestutzt, mit nur noch wenigen Millionen Einwohnern. Aber diese fanden einen neuen Zusammenhalt, schotteten sich in verfeinertem Sprach- und Traditionsbewusstsein ab und begannen ihre Besonderheit zu kultivieren, und das umso mehr, je unumgänglicher die internationale Verwindung ins Weltganze Einzug hielt. Transport- und Fernmeldewesen, Straßen, Schienen, Stränge und Brücken entstanden, die schier endlosen Moor- und Heidelandschaften Jütlands wurden urbar gemacht und trocken gelegt; auf ihnen begannen landwirtschaftliche und industrielle Betriebe sich auszubreiten. Konnte der literarische Nationalheilige Steen Steensen Blicher (1782–1848) noch tagelang durch die Heide streifen, ohne einer Menschenseele zu begegnen, so dürfte es 100 Jahre später kaum noch einen erhöhten Punkt gegeben haben, von dem man kein Gehöft, keine Straße, keinen Schornstein oder die Silhouette einer getünchten Kirche zu sehen bekam. Dänemark entwickelte sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Vor allem die Landwirtschaft  prosperierte, bald war das Land ein Hauptversorger an Fleisch- und Milchprodukten seiner großen und beängstigend starken Nachbarn Deutschland und England geworden. Noch die deutschen Nationalsozialisten betrachteten das eilig okkupierte Land als Vorratskammer und Nachschubbasis für Heer und Volk, als Land, wo Milch und Honig flossen. Aus zahlreichen kleinen Meiereien, Brauereien und Schlachthöfen erwuchsen bald gigantische Lebensmittel verarbeitende Konzerne, die auch heute noch ganz Europa beliefern. Aber auch große Reedereien, Werften, Schwerindustrie entstand, die wenigen Bodenschätze, die das karge Land bot, wurden gnadenlos ausgebeutet. Bisher kannte man nur Bauern aller Art, Handwerker und Dienstpersonal, nun kam ein furchterweckendes Proletariat hinzu. Die großen Städte Kopenhagen, Århus, Odense und Ålborg veränderten radikal ihr Gesicht. Das politische System wurde erschüttert, linke politische Parteien entstanden, Gewerkschaften boten den Unternehmern plötzlich die Stirn, die Kirchen verloren an Einfluss, die Frauen, die überhaupt erst 1857 als mündig erklärt worden waren, begannen aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Waren sich Stadt und Land lange Zeit vollkommen fremd und hatten kaum direkte Beziehungspunkte, so entstand nach und nach ein tief gefühltes Einheits- und Gleichheitsempfinden, das die Mentalitätsvoraussetzung für den einzigartigen skandina­vischen Wohlfahrtsstaat wurde. Gleichzeitig differenzierte sich Dänemark sozial immer stärker …

Über all das kann man gelehrte Bücher lesen, aber man findet auch fast alles bei Hans Kirk, vom nahezu entrechteten Dienstmädchen und Knecht bis zum Großbauern und Industriellen. Im Nachhinein werden Kirks Kollektivromane „Die Fischer“, „Die Tagelöhner“, „Die neuen Zeiten“ und „Der Bürgermeister tritt zurück“ als ambitiöser Versuch einer enzyklopädischen Darstellung der sozialen Vielfalt der dänischen Gesellschaft in den entscheidenden Jahren des Wandels sichtbar, bis ins kleinste Detail. Auch die neuere Schicht der Ingenieure fehlt nicht, nicht der Mittelstand, die Kaufleute, die Bürokratie, der juristische Bereich, der Finanzsektor, die Auswanderer, der Kampf der Kirchen um die Überlebensberechtigung, jener der Frauen um die Gleichberechtigung, die Schulen und Universitäten, das gefürchtete und zugleich so wichtige Armenwesen (wer einmal Hilfe in Anspruch nahm, verlor zeitlebens wichtige bürgerliche Rechte), die bedeutende Konsum- und Anteilsbewegung usw. (aus dem Nachwort)

Hans Kirk:
»Die neuen Zeiten«
Aus dem Dänischen von Jörg Seidel
Mit einem Nachwort und Anmerkungen vom Übersetzer

ISBN 978-3-937206-10-3

296 Seiten
Paperback
13,90 €